Sunday, September 6, 2009
Der Fall "Arctic Sea"
Ein 98m langer Holzfrachter mit einer Maximalgeschwindigkeit von 23km/h verschwindet vor der skandinavischen Küste, taucht erst Wochen später vor Westafrika wieder auf, angeblich entführt von estnischen Piraten die der russischen Mafia nahestehen. Die Geschichte der “Arctic Sea” ist der Stoff für Gerüchte, Verschwörungstheorien und Spionage-Romane. Was hatte das Schiff tatsächlich geladen? Wurde es tatsächlich entführt oder deckten westliche Geheimdienste einen illegalen Waffenschmuggel auf?
Es beginnt Ende Juli im finnischen Jakobstad. Holz im Wert von 1,26 Millionen Euro wird auf den Frachter, der unter maltesischer Flagge fährt, verladen. 15 Crew-Mitglieder machen sich auf den geplanten Weg die Ware von Finnland an den algerischen Hafen Béjaia zu bringen.
Was dann geschah weiß niemand so genau. Irgendwann am 24.Juli 2009 befand sich die “Arctic Sea” zwischen Ötland und Gotland, als angeblich unbekannte Entführer das Schiff kaperten. Zunächst kam keine Meldung über einen Piratenangriff, und die Rederei wurde erst aufmerksam als der Frachter nicht wie erwartet Anfang August in Algerien ankam. Der Kontakt zur Besatzung war abgebrochen, es gab weder Hinweise auf Piraterie noch ein mögliches Unglück.
Die britische Küstenwache lokalisierte das Schiff zuletzt am 28.Juli in der Straße von Dover. Bis zum 30.Juli sendete die “Arctic Sea” weiter das automatische Ortungssignal. Mittlerweile wurde bestätigt dass die schwedischen Behörden Telefonkontakt zu einem Crew-Mitglied hatte, jedoch keine weiteren Informationen darüber preisgab. Bei Brest in Frankreich tauchte das Schiff auf einem Radarbild auf, bevor es schließlich das letzte Mal von einem Flugzeug der portugiesischen Küstenwache geortet wurde.
Am 03.August schließlich erhielt Interpol von der Rederei den Hinweis auf eine Entführung, woraufhin eine Suchaktion im westlichen Mittelmeerraum gestartet wurde. Kurioserweise gab es keinerlei Lösegeldforderungen, nichts was für eine gewöhnliche Kaperung sprach. Schon kurz nach Bekanntwerden des Vorfalls spekulierten einige Stimmen über eine mögliche Entführung durch die Crew selbst. In Wahrheit hätte die “Arctic Sea” nicht nur Holz, sondern auch Drogen und Waffen geladen gehabt.
Es dauerte fast zwei Wochen bis der Frachter am 14.August nach seiner Geisterfahrt wieder auftauchte, vor den Kapverdischen Inseln. Die russische Marine setzte sich in Bewegung, erst drei Tage später jedoch wollte man bestätigen die “Arctic Sea” gefunden zu haben. Russland´s NATO-Botschaft erklärte man habe den Medien tagelang falsche Informationen geliefert um nicht die wahren Aktivitäten der russischen Suchmannschaften preiszugeben.
Quellen aus Brüssel und Moskau meldeten unterdes die zuständigen EU-Behörden hätten schon sehr viel länger gewusst wo sich das Schiff befindet und welchen Kurs es eingenommen hatte.
Alle 15 Crewmitglieder konnten unverletzt in Sicherheit gebracht werden, am 18.August bestätigte das russische Außenministerium zudem dass man acht Piraten festgenommen habe, darunter zwei russische Staatsbürger, ein Este und zwei Letten.
11 der 15 Crew-Mitglieder, inklusiv des Kapitäns wurden in Untersuchungshaft verhört. Keiner der an Bord anwesenden Personen ist es erlaubt über die Ereignisse zu sprechen, unter Androhung von sieben Jahren Haftstrafe in Russland. "Nicht verdächtiges wurde gefunden", verkündete Russlands Außenministerium am 25.August nach Durchsuchung des Schiffes. Der Chef-Ermittler Alexander Bastrykin hingegen erklärte es sei möglich dass die "Arctic Sea" nicht nur Holz geladen hatte. Eine illegale Lieferung sei denkbar.
Der Fall wirft dutzende Fragen auf: Wieso schickt Russland eine größere Marine-Suchmannschaft durch das Mittelmeer als für das somalische Piratenproblem aufgewendet wird? Warum dieser Aufwand für 1,26Millionen Euro finnisches Holz?
Warum dürfen die Crew-Mitglieder nicht offen über das Erlebte sprechen? Wieso sprach der Kapitän davon sein Schiff sei “nordkoreanisch”?
Der Kreml schickte zwei große Militärtransportmaschinen auf die Kapverden, angeblich für den Heimtransport der Frachter-Besatzung. Einige von ihnen wurden sogar mehrere Tage in russischen Gefängnissen festgehalten, und das als angebliche Opfer einer Entführung. Es wird behauptet die Rederei habe eine Lösegeldforderung von 1,5 Millionen Euro erhalten, dies dementiert das Unternehmen. Lediglich eine russische Quelle zitiert das Versicherungsunternehmen welches angeblich die Zahlungsforderung von den Kidnappern erhalten haben will.
Ganz allgemein scheint der Aufwand den Russland um den Fall betreibt auf mehr hinzudeuten als einen simplen Fall der Piraterie in nordeuropäischen Gewässern.
Eine Spur führt nach Israel. Die Fracht der “Artic Sea” so heißt es aus journalistischen Quellen in Tel Aviv und Jerusalem, sei kein Holz gewesen sondern Rüstungsgut. Ehemalige russische Militärs sollen sich in die Dienste der Mafia gestellt haben und an einem Deal zwischen der russischen Unterwelt und dem Regime von Teheran beteiligt sein. Der Iran habe Waffen geordert, die er nicht von direkt von Moskau bekommen würde und habe sich deshalb an die kriminellen Elemente gewandt. Bei einem Reperatur-Zwischenstop der “Arctic Sea” im russischen Kaliningrad seien Raketen an Bord des Frachters gebracht worden. Der dortige Hafen gilt als einer der größten illegalen Umschlagplätze für Waffen und Militärausrüstung im europäisch-russischen Raum. Nach Auflösung der Sowjetunion verkauften die dortigen Ex-Generäle auch schweres Kriegsgerät an den Meistbietenden. Dadurch entstanden in Kaliningrad finanzstarke, mächtige Mafia-Strukturen die weiterhin am Milliardengeschäft des Waffenhandels beteiligt sind.
Glaubt man den von Jerusalem Post und Times zitierten Quellen, dann steckt hinter dem angeblichen Entführungsfall der “Arctic Sea” eine hochbrisante Waffenlieferung an die iranischen Mullahs.
Das Schiff sei von der russischen Mafia als Transporter für Raketen benutzt worden, habe jedoch den ehemaligen Kurs fortsetzen wollen. Von Nordafrika aus sollten die Waffen dann ihren Weg über Syrien in den Iran finden.
Dem zuvor kam angeblich der israelische Mossad. Ein Agententeam entführte den Frachter nachdem die Israelis den Waffendeal entdeckt hatten. So bot man Moskau eine ideale Möglichkeit alles nach einer gelungenen Piraten-Befreiung aussehen zu lassen und nicht das eigene Gesicht zu verlieren.
Für Russland wäre ein solcher Vorfall höchst peinlich und außenpolitisch äußerst problematisch. Einen Tag nach der Befreiung der “Arctic Sea” reiste Israels Präsident Perez nach Moskau, sprach mit Präsident Medwedew über die Beziehungen Russlands zum Iran, die jüngsten Waffenlieferungen in den Nahen Osten und wohl auch über die vermeintliche Frachter-Entführung.
Das kriminelle Milieu verärgert durch seine Geschäfte mit dem iranischen Regime die russische Führung, bislang konnte Moskau bestimmen welche Ausrüstung und welche Form von Rüstungsgut Richtung Iran geliefert wird. Sollten die Mullahs diesen lästigen Mittelweg der immer vom aktuellen diplomatischen Weltklima abhängt umgangen haben, dürfte Russland ab sofort jede Lieferung doppelt und dreifach bedenken.
Welche Waffen könnten Israel zu einem derart drastischen Schritt und Moskau zu einer so umfangreichen Aktion veranlasst haben? Gerüchte nennen die S-300. Dieses Luftabwehrsystem gehört zu den modernsten der Welt und ist der ganze Stolz der russischen Rüstungsindustrie. Stationiert auf fahrbaren Transportern kann dieses Waffensystem mit einem hochmodernen On-Board-Radar bis zu 100 Ziele gleichzeitig Orten und 12 feindliche Flugkörper zeitgleich bekämpfen. In den 1990er Jahren lieferte Russland bereits mehrere Versionen der S-300PMU I an den Iran, ein Luftabwehrsystem dass Kampfflugzeuge und feindliche Langstreckenraketen in bis zu 110km Entfernung bekämpfen kann.
Irans Regime ist in jüngster Zeit an den neusten Versionen der S-300 interessiert, Systeme mit denen im Ernstfall amerikanische oder israelische Kampfflugzeuge auf bis zu 200km zerstört werden können. Auch gegen Israels Langstreckenraketen und Amerikas Cruise Missiles würden die neuen S-300 einen nie gekannten Schutz liefern. Im und mittleren Osten bedeutet diese Waffe eine Verschiebung des Kräfteverhältnisses zu Gunsten Irans. Aus israelischer Sicht entsteht dadurch ein Patt. Der iranische Luftraum wäre gegen einen möglichen Angriff auf die Nuklearanlagen geschützt, Israel müsste mit eigenen Verlusten im Fall eines großangelegten Luftschlages rechnen.
Iran wäre nicht unverwundbar aber die israelische Luftwaffe müsste im schlimmsten Fall mit einem Verlust von 20% ihrer Maschinen rechnen. Militärexperten in Israel sind sich sicher: das Regime von Teheran will die S-300 um jeden Preis.
Bislang zögerte Russland mit der Lieferung des Systems. US-Präsident Obama und die israelische Führung drängten Moskau immer wieder dazu die S-300 nicht zu liefern. 2007 schlossen Iran und Russland Verträge über den Kauf weiterer Luftabwehr-Raketen. In Jerusalem und Washington beobachtet man diese Entwicklung seit Jahren mit größter Sorge. Es liegt in russischen Händen ob Iran sich effektiv gegen Angriffe auf sein Atomprogramm schützen kann oder nicht.
Möglicherweise setzte Teheran diesmal alles auf eine Karte und hoffte darauf niemand würde den alten russischen Frachter bemerken, der sich von Finnland aus auf den Weg nach Nordafrika gemacht hatte.
Natürlich rutscht Moskau durch diese Aktion in die Ecke der peinlichen Schlafmützen, die den eigenen Waffenmarkt nicht kontrollieren können und auf die Hilfe ausländischer Geheimdienste angewiesen sind. Für die iranische Führung ist der Fall der “Arctic Sea” schwerwiegender. Wer sich als Staat illegal Waffen beschaffen will, katapultiert sich diplomatisch in eine Eiszeit.
Nordkoreanische Schiffe mit Kurs auf die iranische Küste, ein Konvoi voller Waffen der vom Sudan Richtung Gaza unterwegs war, ein Passagierflugzeug mit einer Fracht für Hisbollah, das nördlich von Teheran am Boden zerschellte - die Liste der Peinlichkeiten für das Regime Ahmadinejad reißt nicht ab. Es wird eng für Teheran. Israels wachsame Augen und Ohren waren in den vergangenen Monaten effektiver denn je, das Regime hat innenpolitisch stark zu kämpfen und außenpolitisch spielt es wenig erfolgreich den persischen James-Bond, der sich immer öfter eine blutige Nase holt.
Tuesday, August 11, 2009
Ist der entführte US Soldat ein Deserteur?
Gerüchte und Spekulationen ranken sich um die Geschichte des in Afghanistan entführten US Soldaten Bowe Bergdahl. Seitdem die Taliban ein Video aus seiner Geiselhaft veröffentlichten sprießen die Theorien darüber, ob der Abenteurer und Ballettänzer aus Idaho ein Deserteur ist oder seine Entführung sogar nur inszeniert. Tatsächlich gibt es Widersprüche im Fall Bergdahl, ausgelöst durch Aussagen von Verwandten und Bekannten aber auch vom Entführten selbst.
Hailey, Idaho ist eine beschauliche 7,000 SeelenGemeinde in den Bergen Zentral-Idahos.
Bekannt war der kleine Ort bisher nur wenigen.
Hier zieht es Einheimische und Touristen zum
Wandern in die Wälder, es wird geangelt,
geritten und im Winter Skigefahren. Der eigene
kleine Flughafen ist Zielort für alle
Winterurlauber die ihre Ferien im nahegelegenen
Sun Valley verbringen wollen.
Vormals berühmteste Einwohner Haileys waren
Bruce Willis und Demi Moore, die hier gleich
mehrere Anwesen besitzen sollen. Auch Arnold
Schwarzenegger, Tom Hanks und andere
Hollywood-Schauspieler sollen ab und an die
Abgeschiedenheit und ursprüngliche Natur rund
um die Ortschaft genießen.
Mitte Juli stürmten die Reporter der US Medien
die idyllische Kleinstadt. Der Grund heißt Bowe
Robert Bergdahl, ist ein 23jähriger Gefreiter der
US Army und derzeit Geisel der Taliban in
Afghanistan.
Kurz nachdem die Identität des jungen Soldaten
bekannt wurde, begann das Ringen um
Informationen, Hintergründe über das
Privatleben und die Familie des ersten entführten
Militärangehörigen seit Beginn des Afghanistan-
Krieges 2001.
Nachdem bereits Anhang des Monat von Seiten
des Verteidigungsministeriums bestätigt worden
war dass ein Soldat in Ost-Afghanistan vermisst
werde, tauchte dann am 18.Juli der visuelle
Beweis in Form eines Taliban-Videos auf. Über
eine halbe Stunde wird Bergdahl von den
afghanischen Islamisten beim Essen gefilmt,
propagandagerecht ausgefragt.
Seitdem flattern an fast jedem Baum an HaileysStraßen gelbe Bänder und Schleifen, aufgehängt
von Menschen die so ihr Mitgefühl für den
Entführten und seine Familie ausdrücken wollen.
An Tankstellen, beim Bäcker und in
Supermärkten hängen Schilder auf denen
gefordert wird, man solle für eine sichere
Heimkehr von Bowe Bergdahl beten. Ein ganzer
Ort hofft und bangt.
Am 22.Juli fand in “Zaney´s River Street Coffee
House” eine Kerzenandacht statt, hunderte
kamen. Dort hatte Bowe Bergdahl gearbeitet,
einer von zwei Jobs als Barista, mit denen er bis
2008 sein Geld verdiente. “Er kam mit jedem gut
zurecht. Er hatte eine sehr offene Art”, berichtet
die Inhaberin von Zaney´s, Sue Martin.
Planlos suchte Bergdahl nach Jobs mit denen er
Reisen finanzieren konnte. Einmal brach er
mehrere Wochen zu einer Radtour durch
Kalifornien auf dann heuerte er in Bristol Bay,
Alaska, auf einem Fischkutter an, erzählt dem
Kapitän es sei sein größter Traum mit dem
Motorrad die Welt zu umrunden Später schuftete
er monatelang auf Baustellen. Anwohner
berichten man habe ihn nur auf seinem
Mountainbike gesehen, denn Autos habe er
verabscheut. Einmal bot der örtliche Sheriff dem
Jungen an, ihn bei strömendem Regen nach
Hause zu fahren, Bergdahl lehnte ab. Er wolle die
Sitze nicht nass machen.
2007 stellte sich der spätere Soldat bei Dick
Mandeville vom örtlichen Blaine County Gun Club
vor und fragte nach einem Sommerjob. Dieser
zögerte nicht lange und ließ den fleißigen
21jährigen Waffen reinigen, Zielscheiben
aufstellen aber auch Schützen beim Einweisen
der Gewehre und Pistolen helfen, “Er war in jeder
Hinsicht gut.”
Wenn Bowe Bergdahl nicht gerade einem seinerGelegenheitsjobs nachging, traf man ihn in der
örtlichen Bibliothek, wo er oft stundenlang las.
Seine größte Leidenschaft galt dem Fechtsport
und dem Ballet. Auf die Frage warum ein
offensichtlicher Outdoor-Fan wie Bergdahl
ausgerechnet Tänzer in der “Sun Valley Ballet
School” wurde, entgegnet seine ehemalige
Chefin in der Kaffeebar: “er war doch nicht
dumm. Da gibt es viele hübsche Mädchen.”
Sein damaliger Vermieter beschreibt Bergdahl als
eine für sein Alter ungewöhnlich reife und
höfliche Person, dennoch getrieben vom “Wunsch
nach Abenteuer”. Dieser Freigeist und die Ehe
seiner Schwester mit einem Soldaten, brachten
ihn im Juni 2008 zum Militär. Er unterschrieb die
Papiere mit dem freien Willen seinem Land zu
dienen, sagen Freund der Familie.
Bergdahls erste Station wurde Fort Benning,
Georgie, ein Ausbildungscamp der US Army für
neue Rekruten. Danach wird er Teil der
25.Infantriedivision, stationiert in Fort
Richardson ,Alaska.
Etwas über ein halbes Jahr dauerte die
Ausbildung, dann bekam Bergdahls Einheit den
Marschbefehl nach Afghanistan. Im Februar 2009
bezog der 23jährige mit seinen Kameraden einen
Außenposten in der Provinz Paktika, südlich von
Kabul, nahe der pakistanischen Grenze. Die
bergige Region gilt als extrem gefährlich und
“talibanverseucht”. Hier kommen islamistische
Kämpfer von Pakistan über die Grenze, greifen
regelmäßig NATO Truppen an und ziehen sich
wieder zurück. Dominierend ist dabei das
Netzwerk des Haqqani-Klans, einer
Talibangruppe deren Anführer, Jalahuddin und
dessen Sohn Sirajuddin, erfahrene Kämpfer aus
Zeiten des Krieges gegen die Sowjets sind.
In ihre Hände soll Bowe Bergdahl am 30.Juni2009 durch eine Unachtsamkeit gefallen sein.
Erstmals erklärte das US-Militär in einem
Statement am 03.Juli, ein Soldat habe seinen
Dienst nicht angetreten und werde seit Tagen
vermisst. Vermutet wurde zu diesem Zeitpunkt
bereits eine Entführung.
Das wirklich Ungewöhnliche an dieser Meldung
war die Tatsache dass sich der Soldat alleine und
ohne Bewaffnung von seiner Position entfernt
haben soll. “Feindliche Elemente niederen Rangs”
hieß es vom amerikanischen Militär, hätten Bowe
Bergdahl und drei afghanische Soldaten
überwältigt und verschleppt.
Noch immer sind die Umstände seines
Verschwindens mysteriös, teils widersprüchlich
und der Anlass von Spekulationen.
In einem Internetstatement brüsteten sich die
Taliban drei Tage nachdem die US-Armee das
Verschwinden bestätigte, den Soldaten im
betrunkenen Zustand gekidnappt zu haben. Kein
Wort von weiteren afghanischen Geiseln.
Taliban-Sprecher Zabiullah Mujahed bestätigte,
Kämpfer des lokalen Kommandeurs Maulvi
Sangin hätten den Amerikanern in die
benachbarte Ghazni Provinz gebracht. Über sein
Schicksal entscheide die Taliban-Führerung um
Mullah Mohammed Omar.
Als Bergdahl dann in einem Video der Taliban
erschien, auf dem Boden eines Gebäudes
sitzend, essend und trinkend, fast eine halbe
Stunde lang Fragen eines englischsprachigen
Interviewers beantwortete, tauchten neue
Informationen auf. Die Taliban hätten ihn
gekidnappt weil er zu weit hinter seiner Patrouille
zurückgeblieben sei, berichtet der Soldat.
Diese Patrouille soll es nie gegeben haben.
Bergdahl, so berichten Quellen aus dem Militär,
habe den Stützpunkt nach seinem Wachdienst
alleine verlassen. Seine Ausrüstung inklusive
schusssicherer Weste und seiner Waffe hatte er
zurückgelassen, nur eine Flasche Wasser, einen
Kompass und ein Messer nahm er mit.
Die Widersprüche häufen sich als Bergdahl vor
der Kamera der Taliban von einer Freundin
spricht, die zuhause in Hailey auf ihn warte und
die er heiraten wolle.
“Das klingt alles nicht nach ihm”, erklärt KimDellacorva Harrison. Die Kunstlehrerin ist in
Bergdahls Militärakte als Patentante vermerkt.
Dass der junge Soldat sie als diejenige eintragen
ließ, die im Fall des Todes benachrichtigt werden
solle, ist ein ungewöhnlicher Umstand.
Dellacorva und Bergdahl sind nicht
blutsverwandt, aber mit ihrer Familie soll er seit
seiner Jugend viel Zeit verbracht haben, sie
wurden zu einer Art Ersatzeltern und hatten
Einblick in sein Leben.
Bowe habe keine fest Freundin, seine Aussagen
über die Familie und der Wunsch zu heiraten
klängen absolut nicht ihrem Patenkind, so
Dellacorva. Sie wisse aber dass er zu diesem
Zeitpunkt unter Stress stand.
Gestresst wirkt die kahlrasierte Person im Video
nicht, eher ruhig, leicht eingeschüchtert.
Insgesamt, so mutmaßen einige Kommentaroren
im Internet, könne die Aufnahme auch inszeniert
sein. Einige wollen das Getränk der Geisel als
Fanta identifiziert haben. Seine Mahlzeit bestehe
aus einem eingeschweißten Stück Gebäck, alles
Lebensmittel die es in dieser Region der Welt in
solcher Form nicht gebe. Im Hintergrund sind
Kinderstimmen zu hören, eine Tatsache die
Skeptiker vermuten lässt, das Video sei
unmöglich in einer Kriegsregion gemacht worden
wo es täglich amerikanische Angriffe gibt.
Besonders misstrauisch aber macht die meist
konservativen amerikanischen Hobby-Analytiker
der Umstand dass der Soldat die Fragen seiner
Entführer anscheinend so punktgenau und
treffend beantwortet, wie diese es gerne hätten.
Vom Kriegsgrund, über Anschuldigungen von
Misshandlung und Folter bis zum Flehen
Bergdahls an das amerikanische Volk die
Truppen abzuziehen - alles klinge einfach
propagandistisch zu perfekt für die gegnerische
Seite.
Der Vorwurf, den mittlerweile sogar ehemalige
Militärs im US Fernsehen erheben, ist hart und
einmalig in der Geschichte des Antiterrorkrieges.
Bergdahl sei ein “Deserteur und Lügner”, so
Ralph Peters, Lt.Colonel im Ruhestand, die
Taliban würden der US Armee einen
Gerichtsprozess wegen Verrat ersparen, sollten
sie den Gefreiten töten.
Trotz der zahllosen Hinweise auf eine echte
Entführung durch Taliban-Kämpfer reißen die
Spekulationen nicht ab. Mancher ein Blogger will
von Kameraden Bergdahls erfahren haben, dass
es eine Abschiedsnotiz gebe, in der er mitteile, er
wolle “in die Berge ziehen und sich selbst
finden”. Diesen Schritt habe er lange geplant und
mehrere Tagesrationen Trinkwasser
mitgenommen. Angeblich, so die anonymen
Quellen weiter, soll es erst zur Entführung
gekommen sein nachdem Bergdahl in einem
afghanischen Dorf gefragt habe, ob es dort
englischsprachige Einheimische gebe.
Bob und Jani Bergdahl, Bowes Eltern dürften sich
für die Gerüchte, Mutmaßungen und
Anschuldigungen der letzten Tage wenig
interessieren. Sie wollen ihren verschleppten
Sohn wieder in Sicherheit wissen. Vor 30 Jahren
zogen sie in einen abgelegenen Canyon,
außerhalb von Hailey. Die Abgeschiedenheit und
friedliche Ruhe war wohl ausschlaggebend für die
Wahl ihres Wohnortes. Bob, Fahrer bei einem
Speditionsunternehmen, und seine Ehefrau
unterrichteten Tochter Sky und Sohn Bowe
zuhause, nur für den High School Abschluss
mussten ihre Kinder für kurze Zeit eine staatliche
Schule besuchen.
Bis jetzt hielt sich die öffentlichkeitsscheue
Familie von den Kameras und Reportern fern.
“Betet für Bowe und respektiert unser Bedürfnis
nach Privatsphäre in dieser schwierigen Zeit”,
ließen die Eltern verlauten. Sie seien überwältigt
von den weltweiten Anteilnahme und
Unterstützung.
Sky Bergdahl, die Schwester des Entführten,
richtete eine schriftliche Botschaft an ihren
Bruder: “Bowe, ich denke du würdest lächeln
wenn du sehen könntest wie viele Leute dich
lieben.”
Friday, July 31, 2009
UPDATE II zu "3 Ausländer im Nord-Irak entführt"
Letzter Stand der Informationen ist, dass die drei vermissten Amerikaner versehentlich die iranisch-irakische Grenze im Kurdengebiet nahe Ahmed Awaa überquerten als sie sich auf einer Wanderung befanden.
Sie gehörten zu einer vierköpfigen Reisegruppe die zunächst über die
Hier sollen sie auf iranische Armeeeinheiten gestoßen sein, die die drei aufgrund einer illegalen Grenzüberquerung festnahmen.
Die Informationen sind spärlich und teilweise widersprüchlich:
1. Zunächst hieß es nur drei Ausländer seien nahe Sulaimaniyah im Kurdengebiet verschwunden und mutmaßlich entführt.
2. Wenig später nannten mir Quellen aus der islamistischen Szene es handle sich um US Soldaten die in der Nähe von Halabja entführt worden seien.
3. Kurdische Offizielle erklärten am Abend man gehe davon aus dass drei westliche Journalisten vermisst werden. Sie seien auf dem Weg nach Khurmal gewesen.
4. AP zitiert nun kurdische Sprecher die Vermissten seien "Amerikaner" jedoch weder Militärs noch Journalisten sondern angeblich "Touristen" die versehentlich über die iranische Grenze "gewandert" seien und von iranischen Soldaten verhaftete wurden.
Al Jazeera Report: 3 Ausländer im Nord-Irak entführt
UPDATE II:
Mittlweile heißt es von kurdischer Seite es handle sich bei den Vermissten um ausländische Journalisten die auf dem Weg nach Khurmal waren. Das irakische Militär habe einige persönliche Gegenstände gefunden, von den Personen fehle jede Spur.
Wie ich gerade von meinen Quellen erfahren habe sollen die drei im Nordirak vermissten Personen US Soldaten sein. Sie verschwanden am späten Abend in der Nähe von Halabja.
Al Jazeera meldete gerade es gebe Hinweise auf eine Entführung von drei Ausländern östlich der nordirakischen Stadt Sulaimaniyah.
Tätig sind in der Kurdenregion u.a. ausländische Firmen wie Kellog, Siemens, General Electrics und andere, die dort Infrastruktur, wirtschaftliche und industrielle Projekte aufbauen und die Rohstoffförderung zu modernisieren. Meist arbeiten, reisen und leben die westlichen Mitarbeiter jener Konzerne nur unter dem Schutz privater Sicherheitsdienste oder der kurdischen Privatmilizen.
Lange waren im Irak keine westlichen Ausländer mehr entführt worden, zuletzt erklärte das Innenministerium man gehe davon aus dass die letzten vermissten britischen Geiseln vermutlich tot seien.
Saturday, July 18, 2009
UPDATE zu Deutschen Jemen-Geiseln
Wie die arabischsprachige "Al Quds al Arabi" über ihren Mitarbeiter Abdulillah al Shaya erfahren hat, dementierte "Al Qaida auf der Arabischen Halbinsel" die Organisation habe etwas mit der Entführung der europäischen Geiseln und der Ermordung von zwei deutschen Studentinnen und einer südkoreanischen Lehrerin im nördlichen Jemen zutun.

Ein Sprecher des jemenitischen Al Qaida Ablegers erklärte die Mujaheddin wären nicht die Entführer und Mörder der letzten Monat verschleppten deutschen Familie und des britischen Ingenieurs. Der Journalist Al Shaya bekräftigte bereits kurz nach Bekanntwerden der Entführung Al Qaida töte keine unschuldigen Frauen und Kinder, islamistische Täter könnten also ausgeschlossen werden. Wie glaubwürdig die jüngsten Behauptungen aus dem Jemen sind ist fraglich, hatte Al Qaida in der Vergangenheit doch mehrfach nach Meldungen über angebliche Statements Richtigstellungen veröffentlicht und vermeintliche Sprecher als falsche Quellen bezeichnet. Shaya interviewte Anfang des Jahres als bisher einziger Journalist den Anführer der jemenitischen Al Qaida Abu Basir al Wahayshi, und verfügt erwiesenermaßen über gute Kontakte zur Islamistenszene seines Landes.
Ende des Monats wird das regelmäßig erscheinende Online-Magazin der jemenitischen Al Qaida "Sada al Malahim" erwartet. Wahrscheinlich werden sich die Islamisten darin zur Entführung von Sa´dah und einer möglichen Beteiligung äußern. Von der aus Sachsen stammenden fünfköpfigen Familie und einem britischen Helfer der Organisation WWC fehlt weiter jede Spur. Jemenitische Behörden vermuten schiitische Stammesmilizen im Nord-Jemen als Hintermänner des Kidnappings, diese dementierten bereits jede Beteiligung und nannten regierungsnahe Islamisten als Entführer.
Saturday, March 21, 2009
Wieviel ist ein Leben wert?
In einer Region in der ein neuer Tag Krieg bedeuten kann bekommt der Wert eines Lebens eine völlig andere Bedeutung. Israel stellt sich zurzeit die Frage weshalb die Politik nicht das Leben eines jungen Soldaten, eines Staatsdieners in Militäruniform, gegen 1,000 Palästinenser eintauscht. Diesen Preis ist die israelische Bevölkerung bereit zu zahlen um den verlorenen Sohn Gilad Shalit nach Hause zu holen, der vor 1,000 Tagen von der Hamas im Gazastreifen entführt wurde und seitdem Spielball und Faustpfand der Politik. Freiheit für einen israelischen Soldaten bedeutet vielleicht bald schon die Freiheit für hunderte, vielleicht tausend palästinensische Terroristen. Hier endet rationale Politik, hier endet interessengesteuerte Diplomatie, kommen Prinzipien zum erliegen. Niemand will Henker sein, ein Volk ist vereint in einem gemeinsamen Appell an Menschlichkeit und Vernunft.
Es geschah früh morgens, die Sonne war noch kaum zu erahnen, die Umgebung wirkte in den frühen Stunden ruhig und friedlich. Sie kamen durch einen selbst gegrabenen Tunnel, kaum schmal genug um sich durch ihn kriechend zu zwängen. Wie viele Angreifer es waren kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, aber sie waren schwer bewaffnet und hatten eine klare Mission: Kidnapping. Mehrere maskierte militante Palästinenser gelangten an jenem Morgen des 25.Juni 2006 vom südlichen Gaza-Streifen aus durch einen unterirdischen Gang auf die israelische Seite des Grenzzauns, nach Kerem Shalom, einem Grenzübergang direkt an der israelisch-ägyptischen Grenze.
Auf der anderen Seite waren israelische Soldaten in einem Außenposten stationiert. Sie ahnten nichts von der Gefahr, hatten keine Hinweise auf bevorstehende Anschläge erhalten und wähnten sich auf ihrem Terrain sicher. Einer der jungen Männer die an diesem Morgen ihren Dienst für die Israeli Defense Force taten war Gilad Shalit, damals 19 Jahre alt und frisch beim Militär, ein unerfahrener Soldat der sich ein Jahr zuvor freiwillig einer Kampfeinheit angeschlossen hatte um dem Beispiel seines älteren Bruder zu folgen der ebenfalls in der israelischen Armee diente.
Den palästinensischen Angreifer gelang es die Soldaten aus dem Hinterhalt anzugreifen, das Überraschungsmoment war auf ihrer Seite. Es kam zu einem Feuergefecht zwischen IDF Soldaten und Terroristen bei dem zwei Palästinenser und zwei Israelis ihr Leben ließen. Gilad Shalit erlitt Verletzungen am Rücken und brach sich die linke Hand. Als verwundeter war er für das palästinensische Terrorkommando ein leichtes Opfer die ihn nicht töten sondern lebend kidnappen wollten. Sie schleppten den jungen Soldat durch den Tunnel aus dem sie gekommen waren in den Gazastreifen, verschwanden mit ihm im Häusermeer und Gassengewirr der Flüchtlingslager jenseits des Grenzzauns.
Seit jenem Tag vor drei Jahren beschäftigt der Fall des entführten Armeeangehörigen nicht nur Israel sondern beeinflusst den gesamten Nahostkonflikt und zieht sogar weltweite diplomatische Kreise. Heute genau vor 1000.Tagen wurde Gilad Shalit Geisel der Hamas, seitdem wird um sein Schicksal verhandelt, Politiker bemühen sich um seine Freilassung, seine Familie kämpft entschlossen für seine Rückkehr.
Ganz Israel kennt das Gesicht des Entführten inzwischen, viele kennen seine Lebensgeschichte, wissen um den Schmerz seiner Eltern und das Versprechen der israelischen Armee keinen ihrer Soldaten jemals zurückzulassen, tot oder lebendig. Das letzte Mal geriet 1994 ein israelischer Soldat in die Gewalt palästinensischer Entführer, damals starb die Geisel beim Versuch der israelischen Armee ihn aus den Händen der Hamas zu befreien.
Bis jetzt hat Israel keinen Befreiungsversuch unternommen, kein Lösegeld ist geflossen, keine Forderung wurde
erfüllt. Am Tag nach der Entführung bekannte sich die Hamas zusammen mit dem Popular Resistance Committee und der Jaish al Islam zu der Aktion und erklärte man habe erfolgreich einen zionistischen Soldat entführt der gegen palästinensische Häftlinge in israelischen Gefängnissen ausgetauscht würde. Frauen und Minderjährige wolle man mit der Geiselnahme freipressen. Vorbild für diese Form der terroristischen Kriegsführung fand die Hamas eindeutig im Libanon. Vielfach versuchte Hisbollah in der Vergangenheit israelische Soldaten lebend zu entführen, ihr gelang es sogar Körperteile getöteter IDF Mitglieder gegen inhaftierte Hisbollah-Kämpfer auszutauschen. Nun versucht Hamas sich den Kodex der israelischen Armee zu nutze zu machen. Immer wieder beschwören die Kommandeure der IDF dass kein Soldat der auf dem Schlachtfeld getötet oder verwundet wird jemals im Stich gelassen werden kann, koste es was es wolle. Im Jahr 2004 war dem israelischen Staat eine Rückgabe von drei Soldaten-Leichnamen durch Hisbollah die Freilassung von insgesamt 450 palästinensischen und libanesischen Gefangenen wert. Ähnliches erhofft sich seit 2006 die Hamas.
Erste Reaktionen auf die Entführer Shalits bekam die radikalislamische Palästinenserbewegung schon drei Tage nach dem Überfall zu spüren. Mit der Operation „Sommerregen“ hofften die israelischen Militärs die Geisel so schnell wie möglich aus den Händen der Islamisten zu befreien. Luftschläge auf Einrichtungen der Hamas und die Infrastruktur in Gaza ebneten den Weg für eine Bodenoffensive in deren Verlauf Gilad Shalit jedoch nicht aufgespürt werden konnte. Für die Regierung Israels stand fest dass der Befehl für die Entführung israelischer Armeeangehöriger nicht von der Hamas-Führung in Gaza sondern von der ausländischen Exil-Leitung der Organisation in Damaskus kam. Hamasführer Khalid Mashaal habe, so hieß es aus israelischen Quellen, den bewaffneten Flügel in Gaza dazu aufgefordert nach Hisbollah-Vorbild Soldaten zu verwunden und danach lebend zu kidnappen. Wie Todesengel flogen deshalb am 28.Juni 2006 vier israelische F-16 Kampfjets über den Wohnsitz von Syriens Präsident Bashar al Assad. Israel warnte damit direkt den syrischen Herrscher davor weiterhin Terroristen zu unterstützen. Weiter sollte diese symbolische Aktion natürlich auch die Auslandsführung der Hamas einschüchtern und klar machen dass man auch bereit ist außerhalb der palästinensischen Gebiete zuzuschlagen.
Ägypten, als direkter Nachbar zum Gaza-Streifen schickte währenddessen 2,500 Polizisten an die Grenze um eine Verschleppung Gilad Shalits in den Sinai zu verhindern. Verhaftungen von palästinensischen Offiziellen, Bombardierung von Hamas-Infrastruktur, Tötung von gesuchten Terroristen, Druck auf die Palästinenserregierung von Mahmud Abbas, all das brachte den entführten Soldaten nicht zurück,
Israel musste die Militäroperation beenden in der Einsicht dass nun wohl doch die Waffen schweigen und die Diplomatie einsetzen müsse.
Hamas war es gelungen während der gesamten Phase israelischer Angriffe und Razzien im Gaza-Streifen ihre Geisel zu verbergen. Zunächst hieß es Shalit werde in Rafah festgehalten, wenig später kamen Meldungen er sei von einem palästinensischen Arzt in Gaza-Stadt aufgrund seiner gebrochenen Hand behandelt worden.
Es folgte eine Zeit der Ungewissheit, der politischen Verhandlungen und der Geheimdienste.
Im westlichen Galiäa, im kleinen Siedlung Mitzpe Hila nahe der libanesischen Grenze, wartet Familie Shalit nun seit Jahren auf die Rückkehr ihres Sohnes. Hier wuchs Gilad auf, weit weg von den großen israelischen Städten, in einer Region in der man die Spannungen des Nahostkonflikts immer wieder hautnah erlebte. Sein älterer Bruder Yoel trat ebenfalls mit 18 der israelischen Armee bei und diente in einer kämpfenden Einheit in den Palästinensergebieten, Gilad trat in seine Fußstapfen, unterstützt von den Eltern und der jüngeren Schwester. Da sein Vater Noam Shalit mit der Großmutter aus Frankreich nach Israel immigrierte besitzt Gilad neben der israelischen auch eine französische Staatsbürgerschaft. Frankreichs Präsident Sarkozy ist deshalb höchst engagiert an der Freilassung des Verschleppten mitzuwirken. Inzwischen wurde der entführte Israeli sogar zum Ehrenbürger von Paris und Rom ernannt, die internationale Diplomatie bemüht sich mit größtem Einsatz für seine Rückkehr, bisher ohne Erfolg.
Wieder und wieder starteten verschiedene Seiten des Konflikts Gesprächsversuche, ägyptische, französische, britische, deutsche und jordanische Mittelsmänner versuchten zwischen der israelischen Regierung und der Hamas zu vermitteln. Monate nach seinem Verschwinden tauchte dann das erste Lebenszeichen auf, Indiz dafür dass Shalit die israelischen Militäraktionen in Gaza im Juni und Juli 2006 unbeschadet überstanden hat. Ägyptische Unterhändler übergaben der Familie des Entführen einen handgeschriebenen Brief, im Oktober dann soll es erstmals zu konkreten Verhandlungen gekommen sein die aber schnell scheiterten.
Aus Syrien kam dann von Hamas Führer Mashaal im November 2006 die Nachricht der israelischen Geisel gehe es gut, Gilad Shalit sei gesund und werde gut behandelt. Nur wenig später bot Hamas an ein Video an Israel zu übergeben wenn der jüdische Staat im Gegenzug alle palästinensischen Frauen und Minderjährigen aus den Gefängnissen entließe. Sowohl die Regierung als auch Gilads Vater lehnten dieses Angebot ab. „Ich möchte meinen Sohn wieder haben, nicht irgendein Video von ihm oder einen Brief“, so Noam Shalit im Januar 2007.
Monate vergingen ohne große Ergebnisse, dann meldete eine israelische Zeitung im März 2007 Hamas und Jerusalem seien sich einig über die Konditionen einer Freilassung, es gehe bei den Verhandlungen nur noch um einige wenige palästinensische Häftlinge deren Übergabe Hamas verlange. Eine Liste mit 1,300 Namen sei über Ägypten an die israelische Seite übergeben worden hieß es im April 2007, diese Inhaftierten wolle Hamas gegen Shalit austauschen. Israels politische Führung lehnte diese Forderung wohl ab, jedenfalls wurden die Gespräche kurze Zeit später auf Eis gelegt, wohl auch weil sich auf der Namensliste einige hochrangige Terroristen und mehrfache Mörder befanden die Israel unter keinen Umständen auf freien Fuß setzen wollte.
Zwei weitere Briefe schrieb Shalit im Jahr 2008 an seine Familie, Ex US-Präsident Jimmy Carter reiste in den Nahen Osten, traf den Vater des Entführten und versprach sich für ihn einzusetzen als er nach Damaskus reiste und die dortigen Hamas-Vertreter zum Gespräch lud. Wenig ergebnisreich verkündete Hamas am 12.August 2008 man werde die Verhandlungen über das Schicksal der Geisel so lange nicht fortführen bis Israel die Blockade des Gaza-Streifens aufhebe. Der Sicherheitsrat der UN schlug auf seiner Tagung eine Woche später vor Gilad Shalit für die Begnadigung von 200 palästinensischen Häftlingen freizulassen. Von Seiten der Hamas kam eine klare Absage, denn die 200 zu entlassenen Palästinenser waren überwiegend Anhänger der Fatah und somit würden die internen Kämpfe der palästinensischen Fraktionen nur verstärkt.
Über all die Jahre hat sich in Israel selbst eine Gruppe von Aktivisten zusammengetan die Druck auf die Politik ausüben möchte. Mit Anzeigen in Zeitungen, Auftritten in den Medien und Demonstrationen vor Regierungsgebäuden wollen die Anhänger der „Free Gilad Shalit“ Bewegung auf das Schicksal des inzwischen 22jährigen Israeli aufmerksam machen. Durch Fotos und ständige Appelle an die Politik bleibt Gilad Shalit im Gedächtnis der Israelis und ist sogar ein bestimmendes Thema der Innenpolitik geworden. Kaum ein Politik der nicht verspricht der Entführte müsse nach Hause zurückkehren selbst wenn dadurch Zugeständnisse an Terroristen nötig seien.
Fatalerweise musste Shalits Familie Ende 2008 erleben wie Israel mit seiner Operation „Gegossenes Blei“ einen noch nie zuvor erlebten Bomben- und Raketenregen über dem Gaza-Streifen niedergehen ließ. Die massiven Luftschläge forderten hunderte Tote am Boden, zerstörten unzählige Gebäude, Straßen, Tunnel, Waffenlager und Werkstätten der Hamas. Israels Armeeführung
konnte noch so oft beteuern man habe die Ziele sorgfältig ausgewählt und gehe mit bis dahin ungeahnter Präzision gegen die terroristische Infrastruktur vor, die Gefahr bestand dass möglicherweise Gilad Shalit durch israelisches Feuer verletzt oder getötet wurde. Hunderte Ziele griff die IDF in den Wochen bis Ende Januar 2009 an, vom südlichen Gaza-Streifen bis in das nördliche Khan Younis. Wo genau Hamas den Israeli gefangen hielt ließ sich nur erahnen, vielleicht wussten die Quellen des Inlandsgeheimdienstes Shin Bet genaueres über den Aufenthaltsort, alles andere wäre ein gefährliches Spiel mit dem Leben der Geisel gewesen.
Der Vize-Chef des Politibüros der Hamas Abu Marzuk sagte am 11.Januar 2009 der Londoner Zeitung Al Hayat Shalit sei eventuell verwundet worden, oder auch nicht. Es spiele keine Rolle mehr wie es ihm gehe, man habe kein Interesse mehr darin ihn gut zu behandeln denn er sei nicht mehr wert als eine Katze oder sogar weniger. Bei dieser Aussage spielte natürlich die Wut angesichts der über 1,400 palästinensischen Opfer der Militäroperation eine große Rolle, denn Hamas weiß sehr genau welchen Wert der gefangene Israeli hat. 1,000 Palästinenser sei man bereit für Gilad Shalit auszutauschen, bot Israel am 26.Januar 2009 an. Die für Hamas äußerst schmerzliche Operation „Gegossenes Blei“ hat sicherlich dazu beigetragen die palästinensische Organisation an den Verhandlungstisch zu bomben. Unter dem Druck des Militärs, der tagtäglichen Verluste und der sich abzeichnenden Hilflosigkeit gegenüber den israelischen Angriffen würde sich Hamas zu weitaus geringeren Konditionen auf einen Deal einlassen, soweit die Hoffnungen der Israelis. Dass nach den Waffen wieder die Diplomatie sprechen würde war klar, dass man sich über Gilad Shalit einig werden würde jedoch reine Utopie. Für die neue israelische Führung geht es jetzt nach dem Wahlkampf um neue Ansätze im Nahostkonflikt, erst jetzt kann man Verhandlungspartner wählen und ernsthafte Gespräche beginnen.
Hinter den Verhängen dürften diese bereits begonnen haben, immer wieder sickert nach außen es gebe ständig ein Thema bei dem sich beide Seiten nicht einigen können, die Frage der so genannten „hochkarätigen Häftlinge“, dabei handelt es sich meist um Terrorführer, Kommandeure bestimmter Hamas-Einheiten, Bombenbauer auf deren Konto dutzende tote Israelis gehen. Zudem inhaftierte Israeli im Laufe der letzten Jahre mehrfach palästinensische Politiker unter dem Verdacht der Terrorunterstützung, darunter viele Hamas-Funktionäre und Fatah-Offizielle. 450 dieser hochkarätigen Gefängnisinsassen möchte die Hamas nach Hause in den Gaza-Streifen und in die Westbank holen, nur ein Bruchteil der insgesamt 8,300 Palästinenser in israelischen Zellen. Ob Israel bereit ist diesen Preis für Gilad Shalit zu zahlen fragen sich dieser Tage viele Beobachter. Das Versprechen den jungen Soldaten heim zu bringen steht, die Forderungen der Hamas ändern sich zwar kreisen aber trotzdem immer wieder um diesen einen Punkt. Im Fall der Hisbollah war man nicht nur einmal bereit hunderte teilweise hochrangige Terroristen freizulassen nur um Körperteile getöteter IDF Soldaten wieder zu bekommen, anders verhält sich dies wenn die Verhandlungen mit dem direkten Nachbarn geführt werden und einer Gruppierung die anders als Hisbollah keine Gesetze des Krieges respektiert und sich kaum an offizielle Abmachungen hält.
Aus Sicht der palästinensischen Führung kann ein Gefangenenaustausch schwerwiegende Folgen haben. Etliche Personen auf der Wunschliste gehören zur Gruppe der ehemaligen Fatah-Mitglieder die zu Beginn der 2.Intifada einen radikaleren Kurs eingeschlagen haben als die Parteimehrheit. Der prominenteste Name dürfte Marwan Barghouti sein, der im Volksmund genannte „Vater der Intifada“.
Israels Armee verhaftete den mittlerweile 49jährigen Hardliner im April 2002 in seinem Heimatort bei Ramallah. Im anschließenden Gerichtsverfahren wegen Beteiligung terroristischer Aktivitäten und Anklage wegen mehrfachen Mordes wurde er zu 40 Jahren Haft verurteilt. Barghouti gilt als Gründer und ranghöchster Führer der Al Aqsa-Brigaden, die als militärische Einheit der Fatah den nationalistischen Terror gegen Israel während der 2.Intifada intensivierte. Über die Jahre in Haft entfernte sich der ehemalige Vertraute Yassir Arafats mehr und mehr ideologisch von der Fatah und der PLO. Insider berichten er es mittlerweile zwar auf keinem Pro-Hamas-Kurs aber lehne dennoch die Politik von Mahmud Abbas ab. Wichtig bei der Diskussion um die Person Barghouti ist dass es sich bei ihm wohl um den bekanntesten und beliebtesten palästinensischen Politaktivisten in Israels Gewahrsam handelt. Sollte er frei kommen hat er gute Chancen aus den nächsten Wahlen als neuer palästinensischer Premier hervorzugehen. In der PLO hält sich die Freude über eine bevorstehende Freilassung Marwan Barghoutis in Grenzen, das „schwarze Schaf der Fatah-Familie“ könnte zur verhängnisvollen Konkurrenz für die Palästinenser-Regierung werden. Gerade Israel müsste besorgt sein dass eine neue Hardliner-Generation des patriotisch-palästinensischen Lagers nach Freilassung des charismatischen Führers Barghouti in der Westbank dominierende Kraft werden könnte.
Unabhängig davon unter welchen Konditionen ein Deal zu Stunde kommen wird stellt sich die Frage wie es der Hamas gelang über drei Jahre lang eine Person vor den israelischen Geheimdiensten, Aufklärungsflugzeugen, Drohnen, Spitzeln und Agenten zu verstecken. Vor zwei Jahren war zu erfahren dass zwar zwei weitere palästinensische Widerstandsgruppen an der Entführung beteiligt waren, der militante Flügel der Hamas, die Izzaddin al Qassam Brigaden allerdings diejenigen seien die Shalit in ihrer Gewalt haben. Dem straf organisierten militärischen Teil der Organisation scheint es gelungen zu sein einige Einheiten aufzubauen die exklusiv mit der Bewachung und Verwahrung der israelischen Geisel beauftragt sind. Im Gaza-Streifen, einem der dichtbesiedelsten Orte der Welt, einem Landstrich von der Größe Hessens, eine Nadel im Heuhaufen zu finden ist keine einfache Aufgabe, trotzdem für die allgegenwärtigen israelischen Geheimdienste kein Ding der Unmöglichkeit. Anscheinend verzweifeln diese an der Strategie der Hamas ihre wertvolle Beute ständig von einem Versteck zum anderen zu schaffen, keine Mobiltelefone und sonstige Elektronik in seiner Umgebung zu benutzen und den Kreis derer die den Aufenthaltsort kennen so klein wie möglich zu halten.
Hamas möchte so schnell wie möglich einen Gefangenenaustausch stattfinden lassen, dies lässt sich eindeutig an Aussagen und Reaktionen ihrer Vertreter ablesen. Lange wird man nicht mehr geheim halten können wo sich Gilad Shalit befindet und das ewige Geschacher um palästinensische Namenslisten dürfte langsam aber sicher zu Frustration führen denn die vorangegangenen Deals mit Hisbollah ließ Israel wesentlich zügiger über die Bühne gehen. Während Abu Marzuk, Vize von Exil-Führer Mashaal heute verlauten ließ man möchte so schnell wie möglich zu einem Ergebnis bei den Verhandlungen kommen, tönt sein ranghöherer Kampfgenosse sollte Israel sich nicht bereit erklären die Forderungen der Hamas zu erfüllen, werde man noch mehr Soldaten entführen.
Tagelang campen die Familie des Verschleppten und ihre Unterstützer nun vor dem Haus des israelischen Premiers Olmert in Jerusalem und verlangen eine finale Entscheidung von der Politik. Deren Gespräche mit Vertretern der Hamas in Kairo wurden diese Woche abgebrochen, weil man sich nicht sofort einigen konnte. Ehud Olmert entscheidet sich wohl nun eine Frist zu setzen bis zu der die neue israelische Regierung eine Unternehmung beschlossen haben soll. Solange muss sich die Familie Shalit noch gedulden, etwas was nach 1000.Tagen Geiselhaft noch zu verkraften wäre, gebe es denn auch nur das kleinste Anzeichen einer Bewegung, einen Hoffnungsfunken anstatt ständig nur negative Meldungen aus den dutzenden Verhandlungsrunden. Gilad Shalits Angehörige durchleben einen unvorstellbaren Albtraum der endlich zu einem guten Ende kommen muss. Zeit kann ein gefährlicher, tödlicher Gegner sein, das beweist das Schicksal von Ron Arad, dem israelischen Navigator der 1986 über dem Libanon mit seinem Kampfflugzeug abgeschossen wurde, sich mit dem Fallschirm retten konnte, dann aber von Hisbollah-Kämpfern verschleppt wurde und nicht mehr aufgetaucht ist. Briefe und Videoaufnahmen sind neben inzwischen freigetauschten Militäruniformen und Ausrüstung das einzige was die schiitische Miliz von ihrer ehemaligen Geisel übergeben kann. Arad sei, das behauptete Hisbollah im letzten Jahr, schon kurz nach seiner Entführung an iranische Geheimdienstler und Militärs übergeben worden die ihn über Syrien in den Iran gebracht hätten, dort verliert sich die Spur, wahrscheinlich verstarb die Geisel dort in Haft oder erlag erlittenen Verletzungen auf dem Weg dorthin.
Gleiches darf Israel im Fall Gilad Shalit nicht zulassen. Die ethische Kodex der IDF, so betonte es auch der Premierminister, kann nicht gebrochen werden, Israel lässt keinen Soldaten zurück.
Lehrreich dürfte der Ausgang dieser Entführung und des jahrelangen Martyriums wohl für die Palästinenser sein. Wieder einmal beweist Israel, dass jüdisches Leben mehr wert ist als arabisches, dass Prinzipien keine mehr sind wenn es um eigene Staatsbürger geht. Jerusalem wird einen hohen Preis zahlen um den verlorenen Sohn nach Hause zu holen, die terroristischen Feinde des Judenstaates haben längst ihre Lehren gezogen aus dieser Taktik.
